Somewhere Else
Abseits von Conteststress, vollgepackten Sponsortrips und den immer gleichen Surfmekkas hat Marlon Lipke etwas gefunden, das vielen längst verloren gegangen scheint: einsame Lineups und ehrliche Barrels. Kurz nach seiner Rückkehr hat er uns erzählt, wo es sie noch gibt, die leeren Wellen, von denen wir alle träumen.
Fotos: lapoint.de Interview: Lars Jacobsen
W&W Marlon, welcome back! Erzähl mal, wo genau warst du gerade?
Ich komme gerade aus Nicaragua zurück und es war ehrlich gesagt richtig gut. Es war mein erster Trip dorthin und ich bin ohne große Erwartungen hingeflogen. Unser Ziel war das LaPoint Camp, das etwa vier Stunden nördlich vom internationalen Flughafen liegt, ziemlich nah an der Grenze zu Honduras. Die Gegend ist abgelegen, kaum touristisch erschlossen, und genau das verleiht dem Ort seinen besonderen Reiz. Keine überfüllten Strände, keine klassischen Surf-Hotspots mit Partyszene, sondern Ruhe, Natur und leere Lineups. Das war genau das, was ich gebraucht habe.

Du warst mit deinem Bruder Melvin unterwegs und dein Kumpel Gony Zubizarreta war auch dabei, richtig?
Ja, genau. Es war einer dieser Trips, bei denen einfach alles gestimmt hat. Wir hatten eine richtig gute Zeit. Direkt beim Camp gibt es einen endlos langen Strand, der sich über mehrere Kilometer zieht. Dort brechen sowohl Lefts als auch Rights, es gibt Barrels an verschiedenen Peaks und keine anderen Surfer weit und breit. Du sitzt mit deinen Freunden im Lineup, jeder bekommt seine Wellen, keiner drängelt, keiner kämpft um Position. Wir hatten Spaß vom ersten bis zum letzten Tag.
Wie war dein Eindruck vom Land?
Ich fand Nicaragua angenehm unkompliziert. Alles wirkt noch recht ursprünglich, nicht überentwickelt, eher wie Costa Rica vor etwa 15 Jahren. Die Stimmung war entspannt, die Menschen extrem freundlich, und wir haben uns während der gesamten Reise jederzeit sicher gefühlt. Kein Stress, kein Gefühl von Hektik. Ich reise heutzutage kaum noch für Wellen. Vor allem nicht, wenn ich weiß, dass es dort voll sein wird. Die Motivation, mich in überfüllte Lineups zu setzen, ist einfach nicht mehr da. Dafür fehlt mir mittlerweile echt die Energie. Umso schöner war es, etwas Neues zu entdecken, ohne den ganzen Trubel.
Das klingt nach einem bewussten Cut.
Total. Ich war über 20 Jahre lang unterwegs, habe fast alles gesehen, was man als Surfer so sehen kann. Und heute ist mir klar geworden, dass ich nicht mehr einfach überall hinfliege, nur weil es irgendwo gute Wellen geben soll. Nach Bali oder Costa Rica zu reisen, um dann mit hundert anderen im Lineup zu sitzen, das reizt mich einfach nicht mehr. Dann surf ich lieber zwei Fuß Onshore vor meiner Haustür in Portugal, zusammen mit ein paar Freunden. Das reicht mir vollkommen. Ich brauche keine perfekten Wellen mehr. Mir ist es inzwischen viel wichtiger, meine Ruhe zu haben. Ein leerer Peak, ein paar bekannte Gesichter, kein Stress, das ist für mich der wahre Luxus.

Und den hast du in Nicaragua gefunden?
Absolut. Es hat sich wirklich nach Freiheit angefühlt. Das Meer direkt vor der Tür, das Camp liegt unmittelbar an der Küste, du wachst auf, siehst die Wellen und weißt: Gleich geht’s los. Morgens bist du in den Barrels, surfst dich richtig aus, und mittags liegst du entspannt im Pool, isst frischen Fisch und Lobster. Und wenn es am Nachmittag noch mal gut wird, springst du einfach wieder ins Wasser. Keine langen Autofahrten, keine endlosen Diskussionen, wo man heute surfen soll. Es ist alles direkt da. So simpel.
Wie sieht es dort mit anderen Aktivitäten aus, außer Surfen?
Das Camp selbst bietet richtig viel, von Fischen über Vulkanwanderungen bis hin zu verschiedensten Ausflügen in die Umgebung. Wer will, kann dort deutlich mehr erleben als nur Wellenreiten. Wir haben uns bei diesem Trip allerdings voll und ganz aufs Surfen konzentriert. Aber ich kann mir gut vorstellen, beim nächsten Mal ein paar Tage dranzuhängen und noch mehr vom Land zu entdecken. Da gibt es definitiv noch einiges zu sehen.
Wie geht es bei dir grundsätzlich weiter, gerade surftechnisch?
Wahrscheinlich wird es künftig eher auf einen Trip im Jahr hinauslaufen, so wie dieser nach Nicaragua. Kein Wellen-Hopping mehr. Stattdessen lieber bewusst wählen, wohin es geht. Ein Ort, der mich wirklich anspricht, gute Freunde dabei, Natur, gutes Essen, das ist mir inzwischen wichtiger als der nächste Swell auf der anderen Seite der Welt. Wenn es passt, bin ich auch gern bei Charity Events oder Projekten dabei, wie zuletzt mit BMW oder Garmin. Aber ich will Dinge machen, die Sinn ergeben.

Arbeitest du gerade an einem neuen Projekt?
Ja. Privat bin ich gerade dabei, mir eine neue Base aufzubauen. Weg aus der Stadt, raus aus dem ständigen Unterwegssein mit Boardbag und Koffer. Ich will wieder näher am Wasser wohnen. Parallel entstehen beruflich ein paar spannende Kooperationen und Projekte, die sich richtig anfühlen. Vielleicht geht‘s auch bald mal wieder nach Dänemark, ein paar Freunde besuchen und neue Ideen sammeln.
Danke Marlon!

Travel Tips / Nicaragua
Anreise
Flüge nach Managua gehen meist über die USA, Mexiko oder Panama. Von dort aus sind es rund vier Stunden mit dem Auto bis zum LaPoint Surf Camp im Nordwesten des Landes, nahe der Grenze zu Honduras. Transfers können vorab organisiert werden.
Visa
Für deutsche Staatsbürger ist die Einreise nach Nicaragua bis zu 90 Tage visumfrei. Es wird lediglich eine Touristenkarte (ca. 10 US-Dollar) bei der Einreise benötigt, die direkt am Flughafen erhältlich ist. Ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepass ist Pflicht.
Gesundheit & Impfungen
Es sind keine Pflichtimpfungen für die Einreise vorgeschrieben. Das Auswärtige Amt empfiehlt jedoch Standardimpfungen wie Tetanus, Diphtherie, Hepatitis A/B und ggf. Tollwut, je nach Aufenthaltsart. In der Trockenzeit gibt es kaum Moskitos, in der Regenzeit sollte man sich vor Dengue-Stechmücken schützen (lange Kleidung, Mückenspray). Trinkwasser am besten in Flaschen kaufen.
Politische Lage
Die politische Situation in Nicaragua ist seit einigen Jahren angespannt. Die Regierung unter Daniel Ortega steht international in der Kritik, insbesondere wegen Einschränkungen der Pressefreiheit und politischer Repression. Für Touristen ist das allerdings selten spürbar, vor allem in abgelegeneren Gegenden wie der Nordwestküste ist es ruhig. Marlon Lipke selbst sagt: „Wir haben uns zu jeder Zeit sicher gefühlt.“
Spotlage
Direkt vor dem Camp: ein ruhiger Beachbreak mit mehreren Peaks, Lefts, Rights und häufig Barrels. Funktioniert bei unterschiedlichen Tiden. Kaum andere Surfer im Lineup, was in dieser Qualität selten geworden ist.
Beste Reisezeit
November bis April bringt Trockenzeit, Offshore-Wind und konstante Bedingungen. Regenzeit von Mai bis Oktober kann unbeständiger sein, aber landschaftlich reizvoll und oft menschenleer. Aktivitäten abseits der Wellen Angeln, Vulkantouren, Mangroventrips, Reiten oder einfach die Füße im Pool baumeln lassen. Wer länger bleibt, kann auch Trips nach León oder Granada einplanen, zwei Städte mit kolonialem Flair und spannender Geschichte.
Sicherheit
Die Gegend rund ums Camp gilt als sicher. Trotzdem: Wertgegenstände nicht offen herumliegen lassen, Transfers besser im Voraus buchen, keine nächtlichen Fahrten auf eigene Faust. Allgemein ist der Umgang freundlich, offen und respektvoll.

