WaWo Travel: The Land of Maybe

Sam Pilgrim ist Engländer und e-Mountainbiker. Auf seinem Bike (Haibike) zählt er zu den besten Europas, er war sogar mal Weltmeister im Freeriden. Doch was er mindestens genau so gerne macht, als sich mit dem Bike irgendwelche Abhänge runter zu werfen, ist das Surfen. Und so buchten wir Sam ein Ticket und luden ihn exklusiv ein auf einen klassischen Waves & Woods Trip mitzukommen. Wohin ging es? Natürlich hoch in den kalten Norden…

Vertrocknetes Gras klebt unter meinen Schuhen. Vor mir sammeln sich dunkle Pfützen zwischen welken Wiesen und moosigen Felsen. Hinter mir steigen die schneebedeckten Hänge des Slættaratindur empor, dem höchsten Berg der Färöer. Regen und kalter Wind zerren an meinem Flanellhemd, meine Augen tränen und ich bin nicht bei der Sache.

Sam auf dem e-Bike

Es Sonntagnachmittag und ich stehe im Norden der zweitgrößten Insel Eysturoy auf einem Sechs-Meter-Cliff und versuche, mich auf den Drop zu konzentrieren. Doch irgendwie fällt mir das heute schwer. Das liegt weniger am Schneeregen in meinen Augen, sondern vielmehr an dieser atemberaubenden Kulisse.

Ich muss zugeben, ich hatte keinen Schimmer davon, was mich hier erwarten würde. Umso mehr bin ich von der Szenerie überwältigt. Ich war schon in so vielen Ecken der Welt freeriden, aber das hier ist was ganz anderes. Die Aussicht, das Licht – alles ist irgendwie einmalig. Dass man den Atlantik hier von so ziemlich überall aus sehen kann, ist abgefahren und setzt dem ganzen noch die Krone auf. Wenn ihr herkommt, werdet ihrs verstehen. Es fällt schwer, die Augen auf dem Singletrail zu halten, wenn die Natur so bombastisch ist. Außerdem gehört die Landschaft nicht nur zu den grandiosesten der Welt, sondern ist auch perfekt für diejenigen, die ein exotisches Abenteuer auf ihren Bikes suchen. Genug geschwärmt, zurück zum Drop.

 

Ich entscheide mich für den direkten Weg über das Cliff

 

Als Freerider baue ich meine Lines im Kopf. Ich bewege mich im Gelände, suche und plane meine persönliche Linie. Hier am Slættaratindur habe ich zig Optionen, wie ich den Berg runter fahren kann: Links an den zotteligen Schafen vorbei, von denen es hier mehr gibt als Einwohner. Oder rechts zwischen den rutschigen Felsen runter und anschließend durch den Bach. Ich entscheide mich für den direkten Weg über das moosige Cliff und anschließend über die sumpfige Wiese hinunter zur Landstraße. Keine 30 Sekunden später stehe ich genau dort, drehe mich um und muss grinsen. Eine gute Entscheidung, denke ich mir.

Plötzlich hupt es. Ein blauer Honda fährt auf mich zu und hält mitten auf der Straße. Ein Typ steigt aus, das Smartphone griffbereit in seinen riesigen Händen haltend fragt er mich, wo ich herkomme. „I’m english“, rufe ich ihm stolz rüber. No chance. Ich hätte der verdammte Weihnachtsmann sein können, hätte ihn nicht interessiert. Kopfschüttelnd marschiert er auf mich zu und raunzt was von private property, sheep ranch und not allowed. Nichts für ungut, Mister Schafffarmer, ich bin schon weg.

 

Fischburger mit Fritten so groß wie die Finger des Farmers

 

Drei Stunden später sitze ich vor einem Pint färöischem Bier in einem Irish Pub am Fischereihafen von Torshavn, der Hauptstadt der Färöer. Der Boden ist klebrig vom Wochenende. Am Morgen trinken hier die Kabeljau-Fischer ihr wohlverdientes Bier, ehe sie – nach zehn Tagen auf hoher See – zurück nach Hause stapfen zu Frau und Kind. Am Abend kommen Typen wie ich und Pärchen, um ein zwei Bier zu trinken und etwas zu essen, Lambalundir zum Beispiel, Lammfilet. Oder Fiskaburgari, Fischburger mit Fritten so groß wie die Finger des Farmers vorhin. In der Nacht finden hier alle eine Heimat: Die Stammkunden, die Normalen, Alte und Junge. Wer hier bloß Alster bestellt, erntet Kopfschütteln von der Thekenkraft, auch an einem Sonntagabend wie diesem.

 

Nicht umsonst heißen die Färöer Land of Maybe

 

Etwas ramponiert von der kurzen Nacht fahre ich am nächsten Morgen ganz nach Norden, dort wo die Färöer aussehen wie Norwegen, wo Fjorde die Inseln teilen wie die Finger einer Hand. Je tiefer ich in den Fjord fahre, umso höher und steiler werden die Seitenwände. An manchen Stellen stürzen Wasserfälle so hoch wie Wolkenkratzer rauschend in die dunkle Tiefe. Plötzlich hat es mich wieder erwischt, dieses Gefühl, das die Natur hier in einem auslöst. Staunend und auf meinem sauren Gummibärchen kauend, fahre ich die schlängelnde Passstraße hinauf, bis die Schneefelder ein weiterkommen unmöglich machen. Ich parke meinen Transporter am Straßenrand, der steil nach links abfällt, steige auf mein Bike und fahre die letzten Meter, während Regen und Wolken, Wind und Sonnenstrahlen im Minutentakt um die Vorherrschaft an diesem Tag buhlen. Am Ende geht das Wetterduell aus wie fast an jedem Tag im Jahr, unentschieden. Nicht umsonst heißen die Färöer Land of Maybe – vielleicht gibt es nur Regen, vielleicht aber auch Regen mit Sonne oder, wie heute, Regen mit Sonne und Wind und vielen Wolken.

Auf halber Strecke steckt ein dickes Volvo-SUV im nassen Schnee fest. Ich frage den schneeschippenden Fahrer, ob ich anschieben soll. Er verneint und sagt, dass eben schon fünf Männer versucht hätten, sein Dickschiff aus der Wehe zu schieben, vergeblich. Deshalb kämen gleich ein paar Nachbarn mit Fußmatten aus Teppich für die Vorder- und Hinterräder. Teppichmatten gegen das Durchdrehen der Räder bei einem 70.000 Euro SUV mit Allrad? Warum nicht, denke ich mir und radle auf meinem Haibike XDuro Downhill 9.0 an ihm vorbei weiter den Berg hoch. Wo wir schon beim Thema sind: Ich persönlich hasste es, eine halbe Stunde bergauf zu radeln, nur um eine 20-Sekunden-Line runterzuballern. Das war einer der Hauptgründe, warum ich irgendwann ein E-Bike ausprobiert habe – und was soll ich sagen: Mehr geht nicht! Ich kann immer noch nicht glauben, wie viel Spaß es macht, selbst wenn ich in die Pedale treten muss.

 

Ich habe nicht erwartet, dass diese Trails soviel Spaß machen

 

Als der Weg endet wechselt der Untergrund von Schotterpiste auf nasse Bergwiese. Und die ist nicht leicht zu fahren, der Untergrund ist aufgeweicht und die Steigung zwingt mich in die leichten Gänge. Irgendwann bin ich am Gipfel angekommen. Ich schaue hinunter auf den Fjord. Die Wildnis und die befreiende Weite machen das Freeriden hier zu etwas Besonderem. Manchmal komme ich mir vor wie bei den Hobbits in Mittelerde. Nach einem kurzen Moment des Staunens ballere wie von Sinnen den Trail runter. Ich fliege förmlich über Felsen und stiebe durch Schneefelder und Bachläufe, vorbei an Schafen und senkrecht abfallenden Klippen. Das letzte Licht des Tages verschwindet hinter den Bergwänden während ich zufrieden und per Wheely langsam zum Auto zurück rolle. Ganz ehrlich? Ich habe nicht erwartet, dass diese nicht existierenden Trails soviel Spaß machen! Und gerade deshalb geht es nicht in meinen Kopf, dass nur eine Handvoll Leute hier Mountainbike fahren. Versteh einer die Färinger.

 

Wenn ich mal keinen Bock auf Bike habe, gehe ich surfen

 

Als ich noch ein kleiner Junge war, ist unsere Familie oft zum Campen an die Küste gefahren. Wir wohnten damals in Colchester, im Osten Englands. Zum Meer war es eine halbe Stunde Fahrt. Aber da es dort keinen Surf gab, sind wir meist nach Croyde in North Devon gefahren. Das liegt im äußersten Südwesten Englands. Auf jeden Fall läuft dort eine astreine Longboardwelle, die mein Dad immer gesurft ist, wenn wir dort waren. Irgendwann hab ich mir sein kaputtes Longboard geschnappt, einen Klumpen Wachs in der Loch an der Nose gestopft und bin rausgepaddelt. Seitdem versuche ich zwischen meinen Contests immer aufs Wasser zu kommen. Zur Not nehme ich mir ein Wochenende frei wenn ich daheim bin und fahre mit meinem Mobile Home zum Surfen nach Croyde.

Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass man auf den Färöern richtig gut Surfen kann. Deshalb bin ich nicht nur mit meine Bikes hergeflogen, sondern auch mit meinem Fish. Da die Forecast für heute richtig gut aussieht, bin ich wieder um sechs Uhr raus. Jetzt ist es kurz vor Sieben und ich habe mein Ziel fast erreicht: Eine versteckte Bucht, im Nordwesten, an deren Ende ein kleines Fischerdorf liegt, eingeschlossen von den Steilhängen der angrenzenden Berge. Als die Passstraße eine Kurve macht, kann ich sie sehen: dunkelgraue Linien die behäbig in die Bucht laufen, nur um ein paar Sekunden später zu brechen und schließlich als eiskalter Schaum zwischen den rundgewaschenen Steinen am Ufer zu enden. Ich parke oberhalb des Strandes, ziehe mich um und paddel raus.
Eine nordatlantische Rechte nähert sich mir – mächtig grau, mächtig groß und mächtig kalt kommt sie auf mich zu

Nach dem ersten Duckdive wird mir schmerzhaft klar, dass ich meine Kopfhaube im Van vergessen habe. Da liegt sie super, denke ich mir und nehme den mittlerweile vierten Duckdive zähneknirschend in Kauf. Nach ein paar Minuten im Line-up drehe ich mein Brett Richtung Ufer und gebe Gas. Eine nordatlantische Rechte nähert sich mir – mächtig grau, mächtig groß und mächtig kalt kommt sie auf mich zu, hebt mich an und lässt mich sie surfen. Nach vier weiteren kalten Wellen sitze ich platt aber glücklich hinterm Steuer. Im Radio läuft Bonnie Tyler. Ich drehe lauter, kurble fas Fenster runter, haue mit der Faust auf Lenkrad und gröle „… I really need you tonight. Forever’s gonna start tonight …“ Es ist ein Fakt, wir Engländer stehen auf Karaoke wie auf Essig zu unseren Fritten. Während ich die Bucht hinter mir lasse, schaue ich singend auf meine Uhr und sehe, dass ich richtig Gas geben muss – mein Flieger geht in zwei Stunden und gegessen hab ich auch noch nichts. Egal, mit der Bucht im Herzen und Bonnie in meinen salzigen Ohren bin ich fürs erste gut versorgt. Cheers!

Danke Visit Faroe Islands für die Einladung, an Haibike für die Bikes, an Monster Energy für den Flug, Bonnie Tyler für das Duett und Waves & Woods für diesen abgefahrenen Trip!