ECO | Bitter Sweet

Woher kommen unsere Lebensmittel? In den letzten Ausgaben hatten wir immer wieder Themen rund um Nahrungserzeugnisse und ihre ökologische und soziale Verträglichkeit – von der Lachszucht in Norwegens Fjorden bis hin zur regenerativen Landwirtschaft hierzulande. Diesmal knöpfen wir uns die gute alte Schokolade vor, besser gesagt den Anbau von Kakao. 


Diese Kakao-Pflanzen dürfen ohne Pestizide groß werden

Der Anbau von Kakao steht seit einigen Jahren in der Kritik. Ausbeutung der Kleinbauern, Umweltbelastung durch Monokulturen… Auf dieses Thema gestoßen sind wir durch den Energieriegel Hersteller Clif Bar, der das „Living Income“­Projekt in der Dominikanischen Republik ins Leben gerufen hat. Das „Living Income“­Programm unterstützt die Kakaobauern in der Existenzsicherung ihrer Betriebe, um eine nachhaltige Produktion zu ermöglichen. So sollen die klassischen Strukturen im Kakao­Business durchbrochen und die Dinge wieder in die richtige Richtung gedreht werden. Die Menschenrechtsaktivistin Altair Rodriguez spielt bei dem Programm eine Schlüsselrolle. Altair hat ursprünglich Jura studiert und als Human Rights Researcher in unterschiedlichen NGOs gearbeitet. Sie lebt in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Vor sechs Jahren entschied sie sich, die 60 Hektar große Finca ihrer Familie zu übernehmen und die Farm mit einem Ansatz von Organic Farming zu modernisieren. Durch ihre bisherige Arbeit mit der NGO Social Accountability International wurde Altair auf das Clif­Bar­Projekt für Sustainable Cocoa Farming aufmerksam. Sie unterstützt das Projekt seit Beginn an durch Field Work und Übersetzungen vor Ort. Gerade als Farmerin hat Altair ein gutes Verständnis für die realen Probleme vor Ort und kann so die Arbeit und Mission des Programms ideal einschätzen und in Relation bringen. 

Hallo Altair! Du bist beruflich als Human Rights Researcher tätig, hast aber auch deine eigene Kakao-Farm in deinem Heimatland, der Dominikanischen Republik. Seit wann besitzt du die Farm und was sind deine Pläne damit?

Meine Familie besitzt die Finca Tierra Negra seit über 100 Jahren.Sie liegt in einem fruchtbaren Tal im Herzen der Dominikanischen Republik. Vor sechs Jahren habe ich sie übernommen, obwohl ich keine Ahnung von Landwirtschaft hatte. Ich war wie die meisten Leute aus der Stadt völlig unwissend, was das Thema anging. Mein erstes Ziel war es, dieses besondere Stück Land zu bewahren. Es ist das einzige Stück Land in dem Tal, das noch Bäume hat, der Rest ist einer großen Monokulturlandschaft gewichen. Ich studierte zu der Zeit die Arbeitsbedingungen von Arbeitern auf Zuckerrohrplantagen und wusste daher, dass ich etwas machen musste, um die ökologischen und sozialen Probleme in der Landwirtschaft anzugehen. Ich wollte die Farm reformieren, sodass die Bauern, die für mich arbeiten, ein besseres Leben haben. Die Farm sollte als Modell dafür dienen, wie regeneratives, ökologisch korrektes und sozial verträgliches, nachhaltiges Landwirtschaften funktionieren kann. Ich lernte in den ersten Monaten schnell, unter anderem, dass Kakao den Schatten von Bäumen braucht, um gut wachsen zu können. Also legte ich los. Ich dachte mir: warum nicht weitere Bäume pflanzen, die noch mehr können, als nur Schatten spenden? So schaffen wir eine Biodiversität, die allen nützt. Den Pflanzen selbst, aber auch uns als Farmern, da wir nicht mehr nur vom Kakao abhängig sind. Parallel vermeiden wir Monokulturen. Die Farm hat 60 Hektar, das ist für dominikanische Standards recht groß. Es war echt harte Arbeit, bis wir an den Punkt gekommen sind, an dem wir heute sind. Ich bin am Anfang sehr naiv an die Sache herangegangen. Es war nicht einfach, die Bauern zu überzeugen, neue Wege zu gehen, und es war auch finanziell nicht einfach, dieses Projekt auf die Beine zu stellen. Aber wir sind noch da und produzieren gesunde, ertragreiche und widerstandsfähige Kakao­ pflanzen. Hinzu kommen 20 weitere Pflanzenarten pro Hektar – früher waren es gerade mal drei. Wir haben Pflanzen, die Vögel anziehen; wir haben Pflanzen, die die Erde vor der Sonne schützen und einen positiven Beitrag für die Kohlendioxidbilanz leisten. Und wir haben weitere Fruchtbäume gepflanzt, um ein zweites Einkommen zu generieren und nicht einzig und allein vom Kakao abhängig zu sein. Mit Trial and Error tasten wir uns so immer weiter voran. 

Woher kommt der Kakao, den man in den klassischen, auf Masse produzierten Produkten findet? 

Der meiste Kakao, der produziert wird, stammt aus Afrika. Ghana und die Elfenbeinküste sind hier die größten Hersteller. Diese beiden Länder produzieren in etwa 70 Prozent der weltweiten Menge. Wenn man jedoch auf den Bio­Kakao schaut, dann ändert sich die Landkarte. Da stammt das Meiste aus Lateinamerika, hauptsächlich aus Ecuador, Peru und der Dominikanischen Republik. Trotzdem stammt nur weniger als zwei Prozent der weltweiten Kakaoproduktion aus der Dominikanischen Republik, dafür ist das Land aber auf Platz zwei in Sachen Bio­Anbau – was wiederum zeigt, wie klein der Anteil an Bio­Kakao auf dem Weltmarkt ist. 

Altair im Gespräch mit den Kakao-Bauern des „Living-Income“ Projekts

Warum müssen wir etwas am konventionellen Anbau von Kakao ändern? 

Dafür gibt es drei Gründe. Grund Nummer eins ist, dass die meisten großen Farmen in Afrika und auch in Lateinamerika Monokulturen sind. Ökologisch gesehen sind die schlecht. Wir wollen Biodiversität auf den Feldern, um einen gesünderen und nachhaltigeren Anbau zu schaffen. Das zweite Problem sind die oft fragwürdigen Bedingungen, unter denen die Menschen arbeiten müssen, beziehungsweise der Lohn, den sie für ihre Arbeit bekommen. Menschen werden beim Anbau von diesen Produkten in vielen Ländern der Welt ausgebeutet. Teils arbeiten Kin­ der unter schwersten Bedingungen. Es gibt viel, was dort geändert werden muss! Viele Konsumenten in den USA und Europa wissen immer noch nicht, was hinter den Kulissen beim Anbau von Kaffee, Zucker und Kakao los ist und woher die Rohstoffe kommen. Zumindest beim Kakao geschieht momentan ein Umdenken und mehr und mehr Leute kaufen bewusster Produkte, die fair und ökologisch vertretbar angebaut werden. Es bleibt aber eine große Herausforderung, das klassische System umzukrempeln und somit faire Bedingungen für alle Beteiligten zu schaffen. Das dritte Problem sind die Preise, die für die Rohstoffe gezahlt werden. Wenn ein Farmer nicht genug Einkommen beim Verkauf seiner Produkte generieren kann, dann ist es auch schwierig für ihn, seinen Arbeitern einen fairen Lohn zu bezahlen, auf Standards zu achten etc. – ein Teufelskreis zulasten der Umwelt und der Arbeiter. 

Okay, das klingt alles nach großen Herausforderungen. Siehst du es denn als realistisch an, dass eines Tages 100 Prozent des hergestellten Kakaos fair und ökologisch korrekt hergestellt werden könnte? 

Hm, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Es klingt wie ein sehr ambitioniertes Ziel, das verfolgt werden muss. Wenn es eine Nutzpflanze gibt, mit der dieses Ziel erreichbar sein könnte, dann ist es definitiv Kakao! Der Weg dahin wäre aber noch sehr weit. 

Deine Arbeit endet nicht damit, ökologische und soziale Nachhaltigkeit auf deiner eigenen Plantage zu schaffen. Du arbeitest eng zusammen mit dem Energieriegel­Hersteller Clif Bar am „Living Income“­ Projekt. Worum geht es bei dem Programm genau? 

Die Idee des Projekts ist es, Kakaobauern so weit zu helfen, dass sie selber ein Einkommen generieren, von dem sie sich einen vernünftigen Lebensstandard leisten können. Seit vier Jahren läuft das Projekt bereits und wir arbeiten dabei mit 40 Bauern hier in der Dominikanischen Republik zusammen. Die Gründe, warum viele Bauern wenig Einkommen generieren, sind vielfältig. Teils sind ihre Plantagen sehr alt und nicht wirklich ertragreich; sie haben nicht genügend Grundkapital, um neue Pflanzen kaufen zu können. Sie bekommen zu wenig Unterstützung vom Staat und die Preise, die sie für ihren Kakao erzielen, sind schlicht nicht hoch genug. Wir haben herausgefunden, dass drei Hauptaspekte wesentlich sind, damit sie aus ihrer Situation heraus­ kommen können. Als Erstes bekommen die Bauern daher Wissen vermittelt. Unsere Programme laufen mindestens über eine Zeitspanne von einem Jahr, oft bis zu zwei Jahren. Dabei besteht die erste Zeit aus Theorie, dann gehen wir zusammen auf die Felder der Bauern und erzählen ihnen, was sie wo besser machen können. Bei jedem Bauern richten wir ein Testfeld von einem halben Hektar ein, das ganz individuell auf die Umstände vor Ort angepasst wird. Sobald das Training fertig ist, kommen wir regelmäßig, um zu schauen, wie sie die Dinge umsetzen und was wie funktioniert. An dem Punkt sind in der Regel schon zwei Jahre vergangen. Im zweiten Schritt unterstützen wir die Farmer finanziell, damit sie Materialien zum Pflanzen und Kompost für ihr Testfeld kaufen können. Der dritte Schritt ist, dass die Bauern eine Mindestgröße an Land besitzen sollten. Wir haben das berechnet, es sollten Minimum vier bis sechs Hektar sein – die meisten besitzen ein bis zwei Hektar Land. Denn selbst wenn man die Produktivität verdoppelt oder verdreifacht, wird man nie auf einen grünen Zweig kommen, wenn das Land nicht eine bestimmte Mindestgröße hat. Über das Programm verschaffen wir den Bauern die Möglichkeit, Land unter den bestmöglichen Konditionen kaufen zu können, um bessere Chancen auf dem Markt zu haben. Zusätzlich stellt ihnen Clif Bar eine Ernteausfallversicherung, damit sie nicht ohne alles dastehen, wenn wie 2019 eine große Dürre die Ernte vernichtet. 

Feinster Öko-Kakao

Ist es einfach, mit den Bauern zu arbeiten? Ich glaube, ich wäre mir im ersten Moment zu stolz, jemandem zuzuhören, der mir plötzlich etwas über meinen Job erzählen will, den ich selber schon seit vielen Jahren betreibe. 

Nein, einfach ist es nicht, es ist eher eine riesige Herausforderung. Ich bin es durch meine Arbeiten als Menschenrechtlerin gewohnt, mit solchen Problemen umzugehen, aber trotzdem ist es nicht einfach. Wir kommen in diesem Fall nicht zu den Bauern und sagen ihnen: „Du musst die Dinge anders machen, ansonsten wird das alles nichts bei dir!“ Wir hören den Bauern erstmals lange zu, was ihre Probleme sind und wo man eventuell Schrauben drehen kann, und gewinnen so das Vertrauen. Ich war selber sehr beeindruckt, wie Clif Bar das angeht. 

Wie definiert man den Begriff „Living Income“ für die Farmer überhaupt? Ich schätze mal, dass jeder Farmer eine andere Summe braucht, um sein Leben finanziell bestreiten zu können. 

Ein existenzsicherndes Einkommen ist ein Einkommen, das einen angemessenen Lebensstandard in Bezug auf Gesundheit, Bildung, Haushalt, Ernährung usw. gewährleisten kann. Das Clif-Projekt „Living Income“ begann vor vier Jahren mit der Einschätzung, wie hoch das Einkommen für Kakaobauern in der DR sein sollte. Dies wurde mit Hilfe von Social Accountability International durchgeführt. Die Bewertung ergab, dass die Bauern etwa 5.000 USD pro Jahr verdienen sollten, um dieses Mindesteinkommen zu erreichen. Einige, mit denen wir zusammenarbeiten, verdienen gerade mal 1.000 US­Dollar pro Jahr. 

Aber was ist der Benefit, den Clif Bar sich durch diesen nicht unerheblichen Aufwand erhofft?

Nach Monokultur sieht das nicht aus! Die Natur sagt danke!

Clif steckt so viel in dieses Projekt, da sie nicht nur nach Gewinn aus dem Verkauf ihrer Produkte streben. Der Erhalt des Planeten und die gute und faire Zusammenarbeit mit den Menschen, die für Clif arbeiten und/oder Teil ihrer Lieferkette sind, ist ihnen mindestens genauso viel Wert. Es braucht mehr Unternehmen wie Clif, die bereit sind, das klassische Geschäftsmodell zum Wohle von Mensch und Natur zu verändern.

Was genau ist am Ende deine Position bei diesem Projekt?

Ich koordiniere alles zwischen den Farmern und Clip und unterstütze durch meine Erfahrung mit der eigenen Farm.

Noch mal zu deiner Person: Welche Arbeit macht dir mehr Spaß, die Menschenrechtsarbeit oder die Arbeit auf der eigenen Farm?

Um ehrlich zu sein, macht mir die Farm mehr Spaß. Aber im Idealfall sollte beides miteinander in Verbindung stehen. Das Ziel ist es, ein System aufzubauen, das für die Menschen und für die Natur funktioniert. 

Ein ständiger Austausch zwischen Altair und den Bauern. Beide Seiten profitieren davon

Letzte Frage: Letzten Endes werden all diese Probleme, mit denen sich euer Projekt konfrontiert sieht, durch uns Konsumenten verursacht. Wie können wir unseren Teil dazu beizutragen, dass das Thema ökologisch und menschlich wieder funktioniert?

 Ja, das stimmt. Besonders in Europa und in den USA haben Konsumenten eine Menge Power, um Dinge zu ändern! Im Fall von Kakao ist es eigentlich recht einfach, seinen Part dazu beizutragen: Informiert euch, woher die Schokolade in den Produkten stammt, achtet auf Zertifikate, die auf Stichwörter wie „organic“, Fair Trade, Rainforest Alliance“, etc. hinweisen – wobei nicht jedes Zertifikat auch gleich ein Zeichen dafür ist, dass dort wirklich alles fair gehandelt wird, aber das ist ein anderes Thema. Bei Clif Produkten kann man sich zumindest sicher sein. Wenn ihr außerdem nach Corona mal die Möglichkeit dazu habt, dann besucht Kakaofarmen und macht euch vor Ort ein eigenes Bild. Man bekommt so schnell einen guten Eindruck über die dortigen Umstände, kann so am Ende selber urteilen und hat das Wissen, um den Konsum in die richtige Richtung zu steuern.